Die Zahl der nachgewiesenen ärztlichen Behandlungsfehler in Deutschland steigt.

Natürlich sind die Ärzte in Deutschland nicht fahrlässige Pfuscher. Zum weitaus größten Prozentsatz üben sie ihre Tätigkeit mit höchstmöglicher Sorgfalt nach den anerkannten medizinischen Standards aus. Mehrere hundert Millionen Behandlungen in den Krankenhäusern und Arztpraxen laufen reibungslos.

Doch Ärzte sind auch Menschen. Und die machen Fehler. Und das tragische ist, dass andere Menschen dadurch unmittelbar an ihrer Gesundheit betroffen sind.

Das Bundesgesundheitsministerium kann aber die Zahl der Behandlungsfehler nur grob schätzen. Man weiß also nicht, ob es 50.000, 150000 oder gar eine Million sind.

Im Sinne einer Qualitätsverbesserung und Qualitätssicherung müssen diese Behandlungsfehler offen gelegt werden. Das geht nur durch die Einführung eines nationalen Fehlerregisters, wie dies die Stiftung Patientenschutz fordert.

Gutachter

Immer mehr Patienten in Deutschland ziehen Gutachter hinzu, um Behandlungsfehler von Ärzten prüfen zu lassen. Der MDK, der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der hierfür zuständig ist, musste sich im Jahr 2011 mit 12.686 Fällen befassen. Vor fünf Jahren waren es lediglich knapp 11.000 Fälle. Es steht zu erwarten, dass die Zahl der Gutachten durch das neue Patientenrechtegesetz weiter ansteigen wird. Nachgewiesen wurden mehr als 40.000 Behandlungsfehler im vergangenen Jahr. Diese Behandlungsfehler führten in drei von vier Fällen auch zu einem gesundheitlichen Schaden. Die Folge ist ein Anspruch des Patienten auf Schadenersatz. Trotz der ansteigenden Zahlen hat das Gesundheitswesen nichts von seiner Qualität verloren. Denn schon immer liege in jedem dritten vom MDK geprüften Fall ein Fehler des Arztes vor. In jüngster Zeit sind die Patienten allerdings immer mehr bereit, ihre Rechte durchzusetzen.

Zahlen

Bei den Ärztekammern lagen im Jahr 2013 insgesamt 12.173 Patientenbeschwerden wegen vermuteter Behandlungsfehler vor. Etwa 8000 Fälle wurden von Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bearbeitet. . In ca. 2200 Fällen wurde dann ein Fehler bestätigt. 77 Todesfälle gehen auf nachgewiesene Behandlungsfehler zurück.

Wenn man die Anträge bei Gerichten und Krankenkassen hinzunimmt, so gibt es jährlich etwa 40.000 Anträge von Patienten, die einen Behandlungsfehler zum Gegenstand haben.

Die weitaus größte Zahl der Patientenbeschwerden kam aus dem orthopädischen Bereich. Beispiele: nach Knieoperationen konnte der Fuß nicht mehr gehoben werden, nach Hüftoperationen war die Beweglichkeit weg.

Die Ärzteorganisationen führen die wachsende Zahl der Behandlungsfehler auf wachsenden Stress bei den Ärzten zurück. Die Arbeitszeiten seien sehr lang und zudem gäbe es ein Problem im Bereich der Hygiene, vor allem in der Pflege.

Die größte Zahl von Behandlungsfehlern findet sich bei der Therapie von Kniegelenks- und Hüftgelenksarthrose. Orthopäden und Chirurgen müssen sich am häufigsten mit dem Problem Behandlungsfehler auseinandersetzen.

Zwei Drittel der Schadenersatzansprüche werden gegen Krankenhäuser erhoben, ein Drittel gegen niedergelassene Ärzte.

Die meisten Fehler unterlaufen bei therapeutischen Eingriffen, nämlich mehr als 40 Prozent. In 23 Prozent der Fälle ist hingegen die Diagnose falsch. Oft ist es eine Verkettung von Versäumnissen, die einen Behandlungsfehler ausmacht.

MDK

Der MDK hat allerdings keine Übersicht über die Gesamtzahl der ärztlichen Behandlungsfehler, da sich Patienten auch an Schlichtungskommissionen der Ärztekammern wenden können oder direkt eine Klage erheben können.

Bei den Ärztekammern gingen im Jahr 2011 11.110 Beschwerden ein, in knapp 2.300 Fällen konnte ein Behandlungsfehler nachgewiesen werden.

Bisher nimmt allerdings nur ein sehr geringer Teil der Geschädigten seine Rechte wahr. Viele Patienten wissen nicht, dass sie sich an die Krankenkasse wenden können und diese dann den MDK mit einer Untersuchung beauftragt.

Das neue Patientenrechtegesetz, das am 1. Januar 2013 in Kraft getrete ist, sorgt zum Teil für Abhilfe sorgen. Es sieht vor, dass jede Krankenkasse ihre Kunden bei Behandlungsfehlern unterstützen muss.

Wie geht man als Patient bei einem Behandlungsfehler vor?

Patienten müssen nicht nur den Behandlungsfehler nachweisen, sondern auch, dass der entstandene Schaden auf den Fehler zurück geht. Bei ihnen liegt die Beweispflicht. Deshalb holen sie sich am besten Hilfe von einem Gutachter. Anlaufstellen sind der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen, ärztliche Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Diese Gutachten verpflichten aber den Arzt, der den Fehler begangen hat, zu nichts. Sie haben Empfehlungscharakter und dienen einer außergerichtlichen Einigung. Dennoch haben diese Gutachterverfahren einen großen Vorteil: sie kosten den Patienten nichts.

Will man gegen den Arzt gerichtlich vorgehen, so muss dies innerhalb von drei Jahren seit der Kenntnis von dem mutmaßlichen Behandlungsfehler geschehen. Andernfalls verjährt der Anspruch. Das der Zeitpunkt der Kenntnis subjektiv ist, können Betroffene auch noch nach Jahren gegen den Arzt vorgehen.

Die Verjährungsfrist wird bei einem Schlichtungsverfahren vor der Ärztekammer angehalten, bei der Überprüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkasse läuft sie weiter.

Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer beträgt ein halbes Jahr.