Viele unnötige OPs

Der Bundesgesundheitsminister vermutet hinter der steigenden Anzahl von Operationen in deutschen Krankenhäusern Geldverdienen als Motiv. Die Zunahme von Eingriffen in Krankenhäusern lasse sich nicht allein durch die älter werdende Bevölkerung und den medizinisch-technologischen Fortschritt erklären. Aus diesem Grunde soll geprüft werden, ob Fehlanreize bestehen. Es sollen nur noch die Kliniken profitieren, die eine gute Behandlung anbieten und nicht die, die einfach nur mehr operieren, so der Bundesgesundheitsminister.

Die steigende Zahl der OPs führe zu höheren Kosten und auch zu einer größeren Arbeitsbelastung für Ärzte, Pfleger und das weitere Krankenhauspersonal.

Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland laut Zahlen der OECD einen Spitzenplatz bei den Krankenhausleistungen ein. Es gab 240 Eingriffe pro 1000 Einwohner im Jahr 2010. Im Durchschnitt der OECD-Länder waren es nur 155.

Zahl der bekannten Behandlungsfehler nimmt zu

Knapp 6400 Patienten würden im Jahr 2011 Opfer von bestätigten ärztlichen Behandlungsfehlern. Die Tendenz steigt. Allein die Krankenkassen stellten gut 4000 ärztliche Kunstfehler in Kliniken und Arztpraxen fest. Zudem ist davon auszugehen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Mehr als 12.500 Fälle begutachteten die Ärzte des medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Fast in jedem dritten Fall stellten die Gutachter einen Fehler fest. Schon seit Jahren wurde in jedem vierten Verdachtsfall ein Fehler als Ursache eines Schadens festgestellt. In den letzten Jahren werden Patienten vermehrt misstrauisch gegenüber den Ärzten. Knapp 2300 Fälle wurden von den Gutachterstellen der Ärzte festgestellt. Die meisten Vorwürfe wurden gegenüber Chirurgen erhoben. Bestätigt würden die meisten Behandlungsfehler hingegen in der Pflege, bei Frauen- und Zahnärzten. Kliniken sind ungefähr doppelt so oft betroffen wie niedergelassene Ärzte. Die meisten Behandlungsfehler wurden wegen Knie- und Hüftgelenksarthrosen erhoben, danach kamen Beschwerden hinsichtlich Karies, Ober- und Unterschenkelbrüchen, Zahnnervenentzündungen und Druckgeschwüren.

Arzt haftet bei versäumter Weiterbildung

Das Oberverwaltungsgericht Koblenz hat unter dem Az. 5 U 1450/11 entschieden, dass ein Arzt haftet, wenn er einen Behandlungsfehler begeht, weil er sich nicht weitergebildet hat.
In dem dem Urteil zugrunde liegenden Fall hatte eine Frau vor einer Operation darauf hingewiesen, dass ihr die üblichen Narkosemittel nicht bekommen. Nach dem Eingriff mit Intubationsnarkose litt sie drei Tage lang an heftiger Übelkeit und Erbrechen. Aus diesem Grund erhob sie gegen die Klinik und den operierenden Arzt eine Klage und bekam in dem Urteil 1000 Euro Schmerzensgeld zugebilligt.
Das Gericht begründet sein Urteil damit, dass die Narkose nicht mit der erforderlichen Sorgfalt erfolgt sei. Wegen der bekannten Überempfindlichkeit hätte die Frau ein zusätzliches Medikament bekommen müssen.

Patientenrechte im Bundesrat behandelt

Der Bundesrat hat zu dem Gesetzentwurf Stellung genommen, der die Rechte von Patientinnen und Patienten verbessern soll (Patientenrechtegesetz im BGB). Er forderte weitere Verbesserungen. Die Länder wollen, dass die Patienteninformation durch den behandelnden Arzt auf Verlangen in Textform auszuhändigen ist. Zudem sprechen sie sich dafür aus, eine uneingeschränkte Informationspflicht des Arztes hinsichtlich eigener oder fremder Behandlungsfehler in das BGB aufzunehmen. Bei den „Individuellen Gesundheitsleistungen“, deren Kosten nicht von den Kassen übernommen werden, will der Bundesrat den Patienten weitgehender vor unüberlegten und übereilten Entscheidungen schützen. Deshalb soll eine ausdrückliche Verpflichtung zur – schriftlichen – Kenntnisnahme der Kosteninformation in das BGB aufgenommen werden. Die Länder wollen, dass die Einrichtung eines Patientenentschädigungsfonds geprüft wird, der sich um Fälle kümmern könnte, in denen Behandlungsfehler nicht nachgewiesen werden können. Das Patientenrecht ist in Deutschland nur bruchstückhaft und auch in einer Vielzahl verschiedener Vorschriften geregelt. Im Bereich des Arzthaftungsrechts liegen viele Grundsätze nur als Richterrecht vor. Das macht es problematisch, die eigenen Rechte durchzusetzen. Die Bundesregierung hat jetzt die Möglichkeit zu einer Gegenäußerung zu der Stellungnahme des Bundesrates. Im Herbst 2012 wird der Gesetzentwurf dem Bundestag zugeleitet.

Immer mehr ärztliche Kunstfehler

Immer mehr Patienten wenden sich mit Klagen über Kunstfehler an die Gutachter der Ärzteschaft. Die Gutachterkommission und die Schlichtungsstellen der Ärztekammern haben jetzt eine Erhebung zu Behandlungsfehlern der Ärzte veröffentlicht: In 2287 Fällen kamen Sachverständige im Jahr 2011 zu dem Ergebnis, dass Behandlungen, Diagnosen oder die Patientenaufklärung fehlerhaft waren. Das waren 88 Fälle mehr als im Jahr 2010. 99 Patienten starben aufgrund dieses Ärztepfusches. 721 Patienten erlitten Dauerschäden. Insgesamt konnten die Gutachter in mehr als 1900 Fällen den ärztlichen Fehler als Ursache für einen Gesundheitsschaden anerkennen.
Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern bieten eine Möglichkeit für Patienten, Schadensersatzansprüche geltend zu machen. Eine andere genutzte Möglichkeit ist die direkte Schadensersatzklage.
Etwa 40.000 Versicherte pro Jahr beanstanden ihre ärztliche Behandlung und wenden sich an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen oder an das Gericht. Wählt man als Patienten den Klageweg über das Gericht, so muss man sich auf eine Wartezeit von mehreren Jahren einstellen. Wendet man sich an den Medizinischen Dienst, so kann man nach einem guten Jahr mit der Entscheidung rechnen.
Wie viele Behandlungsfehler es tatsächlich gibt, die jedoch nicht weiter verfolgt werden, ist unbekannt. Hierzu gibt es unterschiedliche Schätzungen. Einige besagen, dass Zehntausende Menschen jedes Jahr wegen Ärztefehlern allein in den Krankenhäusern in Deutschland sterben.
Eine der Hauptursachen der Todesfälle war, dass es nach einer OP im Krankenhaus zu einer Infektion mit Blutvergiftung kam. Ein Arztfehler liegt dann etwa dabei vor, wenn trotz Hinweise kein Blutbild gemacht wird. Auch verschleppte Krebsdiagnosen sind die Ursache für den Tod von Patienten.
Die Steigerung der Zahl der Kunstfehler hängt zum einen mit der gestiegenen öffentlichen Aufmerksamkeit zusammen, aber auch damit, dass die Patienten immer älter werden und dort die Eingriffe schadensträchtiger sind.